Gemeinfreie Werke

LG Stuttgart: Urheberrechtlicher Schutz für Reproduktionsfotografien

Weiteres Urteil im Wikimedia-Streit um Reproduktionsfotografien: LG Stuttgart spricht sich für urheberrechtlichen Schutz von Reproduktionsfotografien aus.

Stuttgart Reproduktionsfotografie

Der urheberrechtliche Schutz für Reproduktionsfotografien ist ein umstrittenes Themenfeld. In diesem Streit hat sich nun auch das LG Stuttgart positioniert und den urheberrechtlichen Schutz bzw. den Leistungsschutz für Reproduktionsfotografien gemäß § 72 UrhG mit deutlichen Worten bejaht.

Reiss-Engelhorn-Museum gegen Wikimedia Foundation

Geklagt hatte das Reiss-Engelhorn-Museum aus Mannheim. In dessen Sammlung befanden sich mehrere gemeinfreie Gemälde, von denen 1992 durch einen Fotografen Aufnahmen erstellt wurden. Diese Reproduktionsfotografien wurden von der beklagten Wikimedia Foundation oder Dritten auf Wikipedia Commons hochgeladen und öffentlich zugänglich gemacht.

Schutz von Reproduktionsfotografien nach § 72 UrhG

Das LG Stuttgart hat sich mit Urteil vom 27.09.2016 (Az.: 17 O 690/15) ebenso wie zuvor bereits das LG Berlin (Urteil vom 31.05.2016, Az.: 15O 428/15) sehr eindeutig für einen Schutz der Reproduktionsfotografien als Lichtbilder nach § 72 UrhG ausgesprochen. Die Schutzvoraussetzungen des § 72 UrhG sind schon bei einem Mindestmaß an persönlicher, geistiger Leistung erreicht.

Das Abfotografieren eines Kunstwerkes erfüllt nach Meinung des LG Stuttgart dieses Mindestmaß an persönlicher, geistiger Leistung. Eine Reproduktionsfotografie sei eine technisch aufwändige Nachbildung eines Kunstwerkes und vom Schutzbereich des § 72 UrhG umfasst.

Diese Auffassung wird vor allem mit der Auswahl der Aufnahmeposition, der optimalen Belichtung des Objekts sowie der Wahl einer geeigneten Kamera durch den Fotografen begründet.

Keine teleologische Reduktion bei Reproduktionsfotografien gemeinfreier Werke

Das AG Nürnberg (Urteil vom 28.10.15, Az.: 32 C 4607/15) hatte zuvor noch eine teleologische Reduktion des § 72 UrhG für notwendig erachtet. In der Folge hatte es einen urheberrechtlichen Schutz für Reproduktionsfotografien verneint. Dieser Ansicht stellt sich das LG Stuttgart bewusst entgegen.

Durch eine telelogische Reduktion käme es zu Abgrenzungsschwierigkeiten zwischen bloßen Schnappschüssen von Kunstwerken und aufwändigeren Reproduktionsfotografien. Es entstünde ein Graubereich, bei dem die urheberrechtliche Einordnung unklar wäre. Dadurch würde eine erhebliche Rechtsunsicherheit entstehen.

Darüber hinaus sei es widersprüchlich, einem Lichtbild, das ohne großen Aufwand angefertigt wird, den urheberrechtlichen Schutz über § 72 UrhG zuzusprechen, aber bei weitaus größerem und professionellerem Aufwand einen Schutz zu versagen.

Gemälde selbst bleiben gemeinfrei

Eine Kollision zwischen dem urheberrechtlichen Schutz der Reproduktionsfotografie und der Gemeinfreiheit der Gemälde sieht das Gericht nicht. Vielmehr entstünde durch die Reproduktionsfotografie ein vollständig neuer Schutz einzig und allein an dem Lichtbild. Das abgelichtete Gemälde bleibt für sich genommen weiterhin gemeinfrei.

Im Umkehrschluss bedeutet dies aber zugleich, dass sich die Gemeinfreiheit des Gemäldes nicht auf die Reproduktionsfotografie auswirkt. Das Kunstwerk und seine Fotografie sind zwei vollständig unterschiedliche Schutzgegenstände und entsprechend strikt von einander zu unterscheiden.

Unberechtigte Nutzung einer Reproduktionsfotografie bleibt Urheberrechtsverletzung

Das Urteil des LG Stuttgart spiegelt die wohl herrschende Ansicht wider. Der Mindermeinung des AG Nürnberg wird dabei zurecht vorgeworfen, wesentliche Aspekte von Sinn und Zweck des Urheberrechtsgesetzes zu vergessen.

Es gilt als wahrscheinlich, dass die Wikimedia Foundation gegen das Urteil in Berufung gehen wird. Der Streit um den urheberrechtlichen Schutz von Reproduktionsfotografien ist damit sicherlich noch nicht am Ende, auch wenn sich langsam eine Tendenz der Gerichte abzeichnet.

(Bild: © arsdigital – Fotolia.com)

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Chefredakteur

Rechtsanwalt Florian Wagenknecht

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Florian Wagenknecht ist Rechtsanwalt bei TWW.LAW. Als Fachanwalt für Urheber – und Medienrecht und Datenschutzbeauftragter (TÜV) steht er seinen Mandanten für umfassende Beratungen zur Seite. Eine spezielle Expertise besitzt RA Wagenknecht im Bereich des Fotorechts, sowohl bei der Rechtsdurchsetzung von Lizenzansprüchen wie auch der Abwehr von Abmahnungen.

RA Wagenknecht hat Rechtswissenschaften in Bonn mit dem Schwerpunkt auf  “Wirtschaft & Wettbewerb” studiert und sein Referendariat bei dem Oberlandesgericht Köln mit Stationen bei der Deutschen Welle in Bonn und einer international tätigen Rechtsanwaltskanzlei in Köln absolviert. 2013 schloss er die Zusatzausbildung „Journalismus und Recht“ ab.

Seit 2010 ist RA Wagenknecht Chefredakteur des Online-Magazins „rechtambild.de“ in dem er regelmäßig publiziert. Er ist Mitautor des Buches “Recht am Bild: Wegweiser zum Fotorecht für Fotografen und Kreative” sowie „Datenschutz in der KiTa – Grundlagen und Erläuterungen für den Umgang mit Daten“.

Kontakt: f.wagenknecht[at]rechtambild.de – Florian Wagenknecht


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    Veröffentlichung: 25. Oktober 2016

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